Französischer Senator Yung führt in
Wien Kampagne für EU-Verfassung
Wien (APA) - "Ich bin hier
in Wien, um Kampagne für das Ja zum EU-Verfassungsvertrag zu führen."
Dies erklärte der 57-jährige Sozialdemokrat und Pariser Senator Richard
Yung, der die "französische Diaspora" von der Verfassung überzeugen will,
am Dienstagabend bei einer Diskussionsveranstaltung in der Wiener
Diplomatischen Akademie.
"Die Verfassung verfolgt das
Ziel, die politische Identität Europas zu stärken." Als "gute Sache"
bezeichnete Yung allerdings die leidenschaftlich geführte Debatte über
die Verfassung in Frankreich. "Europa hat es die letzten Jahre an
politischen Debatten gemangelt." In der jüngeren Vergangenheit sei die
Politik Europas von oben gemacht worden.
Im Mittelpunkt der Kritik an
der EU-Verfassung stünden in Frankreich einerseits der Verlust an
Souveränität, anderseits die "ultraliberale" Ausrichtung der Verfassung,
erklärte der Senator. Ängste des Unabhängigkeitsverlustes würden vor
allem von der extremen Rechten, aber auch von der extremen Linken
geäußert. In einer globalisierten Welt verfüge der einzelne
Nationalstaat jedoch nicht mehr über die politischen Instrumente, um
alleine Dinge zu bewegen. Zudem sei der nationalistische Ansatz
gefährlich, da er zu Kriegen geführt habe.
Die Kritiker des
Ultranationalismus, die vor allem aus dem linken Lager rekrutiert würden,
vereinten verschiedene Bewegungen, erläuterte Yung: Jene, die mit der
derzeitigen Regierung unzufrieden seien, und jene, die sich als Opfer
einer "etwas wilden" Globalisierung sehen würden. Diese Kritik hält Yung
jedoch für einen Fehler: "Der zweite Teil der Verfassung gibt den
Bürgern die Möglichkeit, die sozialen Rechte zu forcieren." Es handle
sich hier um virtuelle Rechte, die von den Bürgern genutzt werden
müssten.
In Frankreich seien die
Teile drei und vier der Verfassung die umstrittensten, sagte der Senator.
In Teil drei seien die bereits bestehenden Verträge - von der
Landwirtschaft bis zum Justizbereich - übernommen wurden. In Teil vier
würden die Bedingungen einer Veränderung der Verfassung ausgeführt,
wonach eine generelle Veränderung nur mit Einstimmigkeit erfolgen könne
oder eine neuer Konvent einberufen werden müsse.
Der Verfassungsvertrag sei
einerseits eine Zusammenfassung der bereits bestehenden EU-Verträge,
sagte Yung. Neu seien die Einführung des Aspekts der sozialen
Solidarität sowie die Schaffung öffentlicher Servicestellen. Wenn
künftig mindestens eine Million Europäer für ein Anliegen
unterzeichneten, müsste sich die Kommission dieser Frage annehmen. Zudem
sei die Neuordnung der Institutionen nach der Erweiterung eine
Innovation. Hier sei insbesondere die Einführung der qualifizierten
Mehrheit beim Großteil der Entscheidungen zu erwähnen.
Monika Mokre von der
Akademie der Wissenschaften sieht die Verfassung als Teil des
Demokratisierungsprozesses in Europa. Es sei fraglich, was bei einem
Nein zur Verfassung mit dem mühsam geschnürten Paket passiere. Die
Opting-Out-Lösung entfalle, da institutionelle Reformen von allen
getragen werden müssten. Eine EU-Assoziierung jener Staaten, die die
Verfassung nicht ratifizieren, sei gerade im Falle Frankreich "undenkbar",
da es sich um ein Kernland der EU handle. Eine grundlegende Veränderung
sei "unwahrscheinlich", weil die Verfassung mühsam geschnürt worden sei
und bereits andere Staaten diese ratifiziert hätten. Leichte
Veränderungen seien "schwierig": Wie sollten diese aussehen, selbst in
Frankreich gebe es dazu unterschiedliche Positionen, warf Mokre die
Frage auf. In jedem Fall gebe es im Sinne von Transparenz und Demokratie
nur "unschöne" Lösungen.
Am wahrscheinlichsten hält
Mokre Schritt-für-Schritt-Veränderungen, wobei man versuchen werde,
inhaltlich zu retten, was gerettet werden könne. "Die beste Option wäre
ein europaweites Referendum gewesen", sagte Mokre. Dieses hätte einen
integrativen Moment dargestellt. Doch die Regierungschefs hätten diese
Option nicht goutiert.
Der Gründungsdirektor der
Diplomatischen Akademie, Ernst Florian Winter, bezeichnete hingegen die
Verfassung als "Zusammenfassung dessen, was die EU bisher verbrochen hat".
Sie kümmere sich um die Interessengruppen, und nicht um die Menschen.
Soziale Marktwirtschaft werde in ihr nur einmal erwähnt, Wettbewerb
hingegen 27 Mal, hob Winter hervor. Es sei schwierig in der Verfassung
einen demokratischen Schutz für Menschen zu finden. Zudem sei es nicht
gelungen, die Friedensidee in ihr zu verankern.
(Schluss) csc/ar/glw
APA0196 2005-05-25/10:47
|